Rückblick: ¡Taksim Tactics! mit Imre Azem (Istanbul)

2.1.21

Es war ein intensiver, spannender und sehr informativer Abend, in dessen Verlauf uns der Aktivist und Regisseur Imre Azem einiges über die Hintergründe der aktuellen Protestbewegung in der Türkei mitgegeben hat.

It was an intensive, thrilling and very interesting evening when Imre Azem told the audience about the background of the Turkish Protests.

Sollten Sie Interesse daran haben, detailliertere Informationen zum Ablauf der Veranstaltung zu bekommen, wenden Sie sich bitte an uns.

In case you want more detailed informations about the evening, please contact us.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Imre Azem, der bereits wieder in Istanbul ist.

Our big thanks go out to Imre Azem, who is already back in Istanbul.

Weitere Informationen finden Sie auf seiner Filmwebseite.

For further information, have a look at his film website!

 

>black box< Vol. 8: ¡Taksim Tactics! mit Imre Azem

Film und Gespräch mit dem türkischen Regisseur Imre Azem („Ekümenopolis – Stadt ohne Grenzen“)

Seit vier Wochen schaut die Welt nach Istanbul, wo sich aus Auseinandersetzungen um die Bebauung des Gezi-Parks eine grosse, sehr kreative Protestbewegung entwickelte, die vor allem drei Forderungen hat: mehr Demokratie, keine Beschneidung von Freiheitsrechten durch religiöse Vorschriften und eine nachhaltige Industrie- und Baupolitik.ekumenopolis_screen

Damit liegen sie quer zur politischen Agenda der AKP-Regierung. Ministerpräsident Erdoğan profiliert sich seit Jahren mit zweifelhaften Großprojekten, die in der Bevölkerung keine Mehrheit finden. Die geplante Bebauung des Gezi-Parks war schließlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und wurde zum Symbol des Widerstands gegen weitere Projekte wie die dritte Bosporusbrücke, den dritten Istanbuler Flughafen, neue Atomkraftwerke und Staudämme.ekumenopolis_screenshot_04

Der türkische Filmemacher Imre Azem hat sich seit vielen Jahren mit der Entwicklung Istanbuls zur „Global City“ beschäftigt und reflektiert in seinem Dokumentarfilm „Ekümenopolis“ genau die Entwicklungen, gegen die die türkische Protestbewegung heute auf die Straße geht. Er war von Beginn an im Gezi-Park dabei und wird im Gespräch auch mit Fotos und Videos einen Einblick in die aktuelle Situation vermitteln.ekumenopolis_screenshot_05

Zum Trailer des Films:

„Ekümenopolis“, Regie: Imre Azem, Türkei 2011, 93 min. (türkisch engl. UT)

Ekümenopolis – das ist die Vision vom kontinuierlichen Wachstum großer Städte bis zu dem Punkt, an dem sie sich vereinigen und so einen weltweit zusammenhängenden städtischen Raum ausmachen. Imre Azem verwendet das Bild der Ekümenopolis, um die aktuelle Situation Istanbuls zu beschreiben. Er dokumentiert die sozialen Härten und ökologischen Probleme, die mit dem rapiden und scheinbar unaufhörlichen Wachstum Istanbuls einhergehen: der gewaltsame Abriss von Wohnraum gegen den Willen ihrer Bewohner/innen und die Zerstörung der Natur in und um Istanbul. Der Film hinterfragt die zugrunde liegende Dynamik dieser Entwicklungen: Das Wachstum Istanbuls wird forciert durch städtische Großprojekte, die gegen den Einwand von Wissenschaftler/innen und gegen die Forderung der Bevölkerung, den eigenen Lebensraum mitgestalten zu wollen, durchgesetzt werden. Der Film entwirft ein Bild neoliberaler Urbanisierung, welche die ökologischen, ökonomischen und demographischen Grenzen überschreitet.

17. Juli 2013, 19:00 Uhr, Galerie für Zeitgenössische Kunst

19:00 Uhr Vorführung „Ekümenopolis“ in der >blackbox<

21:00 Uhr Gespräch mit Imre Azem auf dem Balkon der GfzK (open air)

Moderation: Luc-Carolin Ziemann

DER FILM LÄUFT AUF TÜRKISCH MIT ENGLISCHEN UNTERTITELN UND DAS GESPRÄCH WIRD AUF ENGLISCH GEFÜHRT

>blackbox< wird In Kooperation mit der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig organisiert und durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen gefördert.

Rückblick: Zwei Mütter

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Regisseurin Anne Zohra Berrached bei der Diskussion über ihren Film “Zwei Mütter”

_MG_8648Susanne Hampe (queerkids) erläutert die Feinheiten der rechtlichen Situation gleichgeschlechtlicher Paare mit Kinderwunsch.

 

>black box< Vol. 7: Zwei Mütter – Kinderwunsch als Spießrutenlauf

In der kommenden Veranstaltung widmen wir uns einem Thema, das unlängst für viel Aufsehen gesorgt hat: die Frage danach, wer definieren darf, wer eine Familie sein kann. Anders ausgedrückt: die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften.

In Frankreich folgten unlängst auf gesetzgeberische Versuche der Gleichstellung große homophobe Demonstrantionen, in Deutschland wird das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Ehegattensplittung für Lebenspartnerschaften kontrovers diskutiert, während es gleichzeitig vom Gesetzgeber konsequent vermieden wird, das Thema Adoption durch lesbische und homosexuelle Paare anzusprechen.

Homosexuelle Paare mit dem Wunsch nach Kindern stehen in Deutschland vor einem Problem. Sowohl Adoptionen als auch die künstliche Befruchtung findet in einer rechtlichen Grauzone statt und ist keineswegs gesellschaftlich akzeptiert.

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Hinter den Ressentiments steht häufig ein konservatives Familienbild, das keine Ausnahme von der vermeintlichen Regel “Vater-Mutter-Kind” zulässt. Dabei ist aus der Regel längst die Ausnahme geworden und diese Entwicklung hat ein Bedeutungs-Vakuum hinterlassen, um das nun erbittert gerungen wird.

Im Rahmen der Ausstellung “Hausgemeinschaft (family affairs)”, die zeitgleich in der GfzK stattfindet und flankierend zum dazugehörigen Filmprogramm zeigen wir in der >black box< den preisgekrönten Film

„Zwei Mütter“ Regie: Anne Zohra Berrached, Deutschland 2013, 75 min.

 

Katja und Isabella wollen ein Kind zeugen. Doch das ist weniger einfach, als sie denken. Wie viele lesbische Paare in Deutschland müssen sie feststellen, dass die meisten Samenbanken und Kinderwunschkliniken es aus rechtlichen Gründen ablehnen, gleichgeschlechtliche Paare zu behandeln. Für das Paar beginnt ein Spießrutenlauf durch Kliniken und Internetforen während dem beide manchmal fast vergessen, dass am Anfang dieses Weges ein gemeinsamer Wunsch stand.

Im Anschluss findet ein Gespräch mit Regisserin Anne Berrached und Susanne Hampe (queerkids Leipzig) statt. Wie immer ist die Beteiligung aus dem Publikum erwünscht!

19. Juni 2013, 19:00 Uhr, Galerie für Zeitgenössische Kunst

Eintritt: 2,00 EUR

>blackbox< wird In Kooperation mit der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig organisiert und durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen gefördert.

D.I.Y. zwischen Punk und PayPal

„D.I.Y.” soweit das Auge reicht: auf Märkten, in radikalen Nähzirkeln und natürlich auf den obligatorischen Online-Marktplätzen.Von der selbstbewussten Punk Attitude der 1970er Jahre (3 Gitarrengriffe ergeben einen Song – reicht doch!) ist heute nicht viel übrig geblieben. Inzwischen hat sich D.I.Y. eher als Synonym für oft kleinteilige handwerkliche Heimarbeit durchgesetzt und wird eher mit Baumarkt als mit aktiver Gesellschaftskritik assoziiert.

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Vielen gilt D.I.Y. auch als Alternative zur klassischen Erwerbsarbeit, gerade junge, oft gutausgebildete Frauen bestücken Dawanda und Co und bieten ihre „mit Liebe gemachten“ Unikate zu Preisen an, die häufig kaum die Unkosten der Herstellung decken dürften.

Selbstverwirklichung zum Preis der Selbstausbeutung?

Während Autoren wie Holm Friebe in der „Marke Eigenbau“ revolutionäres Potential wittern, geißeln andere die bewusste Eigeninitiative als Selbstausbeutung und ungewolltes Pendant zur staatlichen Forderung nach mehr Eigenverantwortlichkeit (Ich-AG). Die Hamburger Diskurs-Mucker Tocotronic haben diese Frage für sich längst beantwortet und beschworen ihre Zuhörer unlängst in ihrem Song „Macht es nicht selbst“, sich lieber auf die wichtigeren Dinge des Lebens zu konzentrieren.

Ganz so einfach machen wir es uns nicht und diskutieren die Frage, wo D.I.Y. zwischen Punkattitüde, Gesellschaftskritik und Geschäftsmodell einzuordnen ist, mit unseren Gästen. Das Gespräch wird wie immer durch filmische Inspirationen ergänzt und maßgeblich durch die Beteiligung des Publikums geprägt.

Die Gäste:

 Stefanie Müller (Künstlerin, Musikerin und Sozialwissenschaftlerin, Initiatorin von rag*treasure)

Miriam Paulsen (Initiatorin und Besitzerin von TSCHAU TSCHÜSSI)

Stefan Hölldobler (Gründer von diefabrik)

Moderation:

Luc-Carolin Ziemann

Wann und Wo: 28. Mai 2013, 19:00 Uhr, Galerie für Zeitgenössische Kunst

Weitere Info zum Thema >blackbox< unter: www.blackboxproject.de

>blackbox< wird In Kooperation mit Weiterdenken – Heinrich Böll Stiftung Sachsen und der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig organisiert und durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen gefördert.

Rückblick: Einladung zum Perspektivwechsel

Black Box. Thema Louisa (Film)

 

Thema Inklusion

Einführende Worte von Ulrike Bürgel vom Weiterdenken e.V.

Weiterdenken e.V. versucht mit dem dem Verbundprojekt

„{ hochinklusiv } Zusammenhalt einer vielfältigen Gesellschaft“ 

den Begriff  Inklusion weit zu fassen und zu sagen: Inklusion ist ein gesellschaftliches Konzept, das für alle Menschen wichtig ist. In den Lebensbereichen Arbeit, Bildung und Stadt, betrachten wir Momente und Orte, die die Teilhabe von allen Menschen behindern und suchen nach Lösungen, eine Teilhabe zu ermöglichen, wenn Barrieren oder Blockaden vorhanden sind.

 

„Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch als Individuum so akzeptiert wird, wie er ist, und es jedem Menschen in vollem Umfang möglich ist, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Inklusive Politik knüpft an die grundlegenden Versprechen der Demokratie an: politische Teilhabe und soziale Gerechtigkeit. Um sie einzulösen, müssen strukturelle Barrieren abgebaut und der Zusammenhalt einer vielfältigen Gesellschaft gestärkt werden.“

 

Black Box. Thema Louisa (Film)

 

Idee der Veranstaltung

Luc-Carolin Ziemann (Projektleiterin >black box< und Moderatorin): Letztlich sagt Inklusion, dass niemand aufgrund seines Alters, seiner Religionszugehörigkeit, seines Geschlechts, seiner Herkunft oder auch von körperlichen Beeinträchtigungen benachteiligt werden soll.

Mit etwas einfacheren Worten gefasst, kann man eigentlich sagen, dass die Idee von Normalität, der man vielleicht anhängt, eigentlich schon einen Grundkonstruktionsfehler ist, denn diese Normalität gibt es nicht. Alle Menschen sind verschieden. Eine inklusive Gesellschaft ist dann erreicht, wenn sich nicht der Einzelne einer Vorstellung von Normalität anpassen soll, sondern davon ausgegangen wird, jedem Teilhabe zu ermöglichen. In der Vorbereitung auf diese Veranstaltung, beim Schreiben der Einladung ist mir allerdings auch sehr schnell klar geworden, dass das zwar auf dem Papier gut klingt, so einfach aber gar nicht ist.

Nehmen wir zum Beispiel diese Veranstaltung, die sich Offenheit ja ganz bewusst auf die Fahnen schreibt. Wie ich mir unsere Veranstaltungen der letzten Monate anschaue, dann sind die alles andere als inklusiv.

Zwar haben wir bei der heutigen Veranstaltung daber as große Glück, dass meine Worte in Gebärdensprache übersetzt werden, das ist normalerweise nicht so. Wir sind auch auf ganz andere Art exklusiv: wenn wir jetzt gleich einen Film zeigen, dann schließen wir alle aus die sehbehindert oder blind sind, denn eine Audiodeskription können wir uns nicht leisten. Oder wenn jemand zum Beispiel der deutschen Sprache nicht mächtig ist, dann wird es schon schwierig, denn normalerweise gibt es hier keine Übersetzung ins Englische, das heißt auch wir schließen ganz viele Menschen aus ohne es eigentlich zu wollen. Ich glaube, das hat viel mit blinden Flecken zu tun, die man hat und die ohne viel bösen Willen dazu führen, dass für einzelne und verschiedene Menschen Grenzen gezogen werden, die der sie zieht überhaupt nicht bemerkt, das er sie zieht.

 

Meine These für heute Abend ist, dass jeder Versuch der Inklusion einen Perspektivwechsel braucht. Damit es überhaupt zu einer gelungenen Inklusion kommen kann, muss man sich erstmal in die Perspektive des Anderen hineinversetzen, auch bei der Planung einer solchen Veranstaltung.

 

Black Box. Thema Louisa (Film)

 

Nachfragen nach dem Screening von “Louisa”

Was war die Grundidee des Films?

Ulrike Bürgel: Zum einem würde mich interessieren, wie es zu dieser Idee mit dem Film kam? Und wie eure Familie darauf reagiert hat, weil er ja auch sehr kritisch ist. Ich finde sehr schön, wie deutlich diese Kämpfe mit den Eltern gezeigt werden, weil das noch mal eine ganz andere Ebene ist, sich zu seinem Sein sich zu bekennen und zu sich selbst zu stehen, aber dann auch in Abgrenzung zu den Eltern. Da fand ich etliche Szenen sehr stark, sowohl mit deiner Mutter als auch mit deinem Vater, als auch mit dir selber.

Katharina Pethke: Also ich bin 5 Jahre älter als Louisa und bin zum Studieren nach Köln gegangen. Das war auch die Phase in der wir angefangen haben über andere Wege zu kommunizieren, nämlich über Chatten, Skype, SMS, Facebook, Email. Dieser schriftliche Kontakt funktioniert unglaublich schnell, so dass ich die Kommunikation zwischen uns gar nicht als Problem oder Barriere wahrgenommen habe. Aber jedes Mal wenn ich zu Familienfeiern nach Hause gekommen bin, hab ich gemerkt, dass irgendwas da gar nicht mehr funktioniert. Da ich ja diesen Außenblick hatte, bin ich dann auch mit Louisa ins Gespräch darüber gekommen, dass es so nicht weitergehen kann. Während ich dann angefangen einen Gebärdensprachkurs in Köln zu besuchen hat Louisa zeitgleich einen in Hamburg begonnen, so konnten wir dann schon 2 Monate später über die Tische hinweg so kleine Worte mit Fingeralphabet sprechen und das hat uns als Schwestern total zusammen geschweißt.

 

Black Box. Thema Louisa (Film)

 

Das war so der Ausgangspunkt würde ich sagen. Und bei Louisa fing es an, dass da so etwas aufgebrochen ist und sie plötzlich viel mehr nach außen gegangen ist. Die Gebärdensprache ist natürlich wahnsinnig visuell und ich bin ja auch sehr visuell als Filmemacherin. Louisa hatte dann irgendwann die Idee, ein Musikvideo mit Gebärdensprache zusammen zu machen und das war total schön, dass sie auf mich zugekommen ist. Da ich aber gar keine Musikvideos, sondern Dokumentarfilme mache, haben wir uns entschieden einen Dokumentarfilm über die Zeit, die Louisa gerade durchmacht zu machen. Problematisch war für mich dann zunächst der Umstand, dass Louisa nicht gerne fotografiert wird, so dass ich nicht gleich ein riesen Filmprojekt planen wollte und wir erst mal Testaufnahmen gemacht haben. Die waren total überzeugend und Louisa hatte so viele Ideen, dass wir quasi zusammen Regie geführt haben und es sich dann relativ schnell verselbstständigt hat. Wir haben über acht Monate zusammen an diesem Film gearbeitet und haben bis heute nicht damit aufgehört. Wir sind zusammen auf Tour, reisen zusammen durch Deutschland. Das Schwierigste an dem Prozess war nicht, dass wir Schwestern sind, sondern wir zusammen einen Konflikt erlebt haben und ich glaube da hat das Filmemachen geholfen zu sagen: Wir machen jetzt diesen Film und wollen, dass alle Beteiligten mitmachen, das kann auch eine Hilfestellung sein. Natürlich wollte meine Mutter nicht gefilmt werden, aber sie gehört halt dazu und hat schon verstanden, dass es so nicht weiter gehen konnte.

 

Ich glaube auch nicht, dass unsere Eltern grundsätzlich schlecht wegkommen. Sie wussten es einfach nicht besser und die Gebärdensprache ist auch eine ganz junge Sprache, die auch in Deutschland erst sehr spät 2002 anerkannt wurde.

 

Black Box. Thema Louisa (Film)

 

Louisa Pethke: Wenn ich da dann gleich anknüpfe, das Verhalten meiner Eltern, dass sie nicht drüber nachgedacht haben, hatte auch was sehr Positives. Wir haben uns ja verstanden, wir sind bis zu letzt immer gut klargekommen. Der Vorwurf, den ich auch im Film äußere war, dass ich einfach mit ihnen auch auf Augenhöhe kommunizieren wollte. Mein Vater ist z.B. ist ein sehr schneller, undeutlicher Sprecher, der sich gern in langen und komplizierten Sätzen ausdrückt. Ich hab immer abgelesen und gesprochen, das war sehr mühsam für mich. Irgendwann hatte ich einfach genug, weil ich mir sehr viel Mühe gegeben habe und nicht das zurückbekommen habe, was ich haben wollte.

Für mich war das einfach eine Entspannung mit der visuellen Kommunikation. Auch wenn mein Vater noch immer sehr schnell spricht, wir mussten einfach unseren Frieden miteinander machen. Ich fühl mich mit der Situation schon wohl, so hart wie das im Film vielleicht klingt, ist es auch wieder nicht.

 

Ich bin eben in meinem Verhalten so wie ich bin und meine Eltern sind eben wie sie sind. Der Film hat auch nicht den Anspruch als Anklage zu fungieren, sondern zeigt und dokumentiert einen gewissen Zeitabschnitt in meinem Leben.

 

CI- Cochleaimplantat

Frage aus dem Publikum: Konntest du früher hören und wie ist dein Hörvermögen jetzt? Bist du bei deiner Entscheidung geblieben, dir kein Cochleaimplantat einsetzen zu lassen? Und wie funktioniert das eigentlich?

Black Box. Thema Louisa (Film)

 

Louisa Pethke: Das CI- Cochleaimplantat ich versuche das mal ganz grob zu erklären: die Cochlea, das ist die Hörschnecke, die ist im Ohr drinnen, so schneckenförmig und darauf befinden sich Sinneszellen, das sind Haarzellen. Wenn die kaputt sind, braucht man eine Elektrode, die in die Cochlea eingeführt wird, das kann man sich wie so eine Spule vorstellen und die stimuliert dann den Hörnerv. Außerhalb des Kopf bekommt man noch einen Sprachprozessor und der ist in Verbindung mit der Elektrode, sozusagen die elektronische Verarbeitung und man bekommt einen Höreindruck. Das ist eine andere Art des Hörens, nicht so wie ihr das wahrnimmt, sondern eine digitale Verarbeitung im Ohr ist, man könnte auch sagen eine Hörsimulation.

Als ich auf die Welt gekommen bin, war ich hörend und bin dann später schwerhörig geworden, also ich bin nicht schlagartig ertaub, sondern das war ein schleichender Prozess und jetzt habe ich kein Sprachverständnis mehr. In manchen Situationen wäre ein CI dann schon hilfreich, z.B. in der U Bahn. Ich habe mich auch immer wieder gefragt, wozu brauche ich ein CI? Was hat das für einen Vorteil für mich? Es gibt Situationen, die schwierig sind und Situationen, wo man an seine Grenzen stösst. Für Menschen, die sich nicht vorstellen können nicht zu hören, ist das eine ganz schlimme Vorstellung.

 

Aber für mein Leben brauche ich nicht das Mitleid anderer Menschen. Ich kann Spaß haben und am Leben teilhaben. Ich respektiere auch wer sich dafür entscheidet, aber ich bin bei meiner Entscheidung geblieben. Ich habe mich sehr lange damit auseinandergesetzt und sehr mit mir gehadert und hab mich dann endgültig gegen ein CI entschieden. Ich bin so wie ich bin und das kann ich auch für mich akzeptieren.

Black Box. Thema Louisa (Film)

 

Luc-Carolin Ziemann: Ich habe schon das Gefühl, dass einerseits die Gebärdensprache in Deutschland mehr und mehr an Boden gewonnen hat, anderseits werden seit den 80ern immer mehr CI Operationen durchgeführt, so dass da zwei parallele Entwicklungen stattgefunden haben. Auch im Film scheint es völlig alternativlos, entweder du wählst den einen Weg oder den anderen Weg. Mir scheint, dass die Zweigleisigkeit in Deutschland besonders stark ausgeprägt ist. Wie siehst du das?

Louisa Pethke: Ich sehe den Ursprung des Problems vor allem darin, dass die Beratung nicht neutral ist und sehr CI orientiert ist und nur ein Weg gewiesen wird. Wenn ein Baby auf die Welt kommt und gehörlos ist, ist das natürlich erstmal ein Schock. Was ja nachvollziehbar ist, es hätte anders laufen sollen, nun ist die Situation aber so und es wird schnell die Entscheidung getroffen, dass das Kind ein CI bekommt. Das ist auch eine problematische Entwicklung. Ich kenne viele Personen, die mit einem CI aufgewachsen sind und meine Beobachtungen ist, dass sie selten die Gebärdensprache dazu gelernt haben. Ein Kind was ein CI hat, ist tendenziell eher in der Welt der Hörenden unterwegs, das ist so die Frage, ob das eine gute Entwicklung ist. Es gibt auch Gehörlose, die das CI ablehnen und diese Entwicklung eher als Bedrohung für die Gehörlosenkultur sehen. Wenn man sich vorstellt, dass in 20 Jahren alle Kinder mit einem CI aufgewachsen, dann fragt man sich schon wo die Gebärdensprache und die Kultur bleibt und kann auch die Angst verstehen.

Black Box. Thema Louisa (Film)

 

Ulrike Bürgel: Für mich ist die Tendenz, Eltern ohne Alternativen zu einen CI zu raten auch sehr erschreckend. Die Mediziner sagen zwar, je früher desto besser, weil sich das Gehör und Sprachvermögen dann besser ausbildet, aber diese Darstellung steht natürlich im Sinne der medizinischen Forschung und der Anpassungstendenz der Medizin an eine gewisse Norm. Für mich persönlich ist der Film sehr bewegend, weil er noch mal ganz deutlich zeigt, dass es gerade für einen Menschen mit Beeinträchtigung unheimlich schwierig ist zu seinen Sein zu stehen, gerade in einer Welt, wo man ständig mit einer gewissen Norm konfrontiert wird. Der Film hat mir auch gezeigt, dass es vollkommen egal ist welche Beeinträchtigung man hat, es kommt wirklich darauf an, dass man diesen Moment hat zu sagen, ja ich bin so und das ist ok.

 

Politische Forderungen

Frage aus dem Publikum: Erstmal möchte ich sagen, dass mir der Film sehr, sehr gut gefallen hat. Ich finde ihn künstlerisch total ansprechend und Louisa als Protagonistin umwerfend. Du bist ja auch anscheinend auch ein politischer Mensch, das sieht man ja, wenn du z.B. die Unterschriftenaktionen mit begleitet und du scheinst auch konkrete Forderungen zu haben. Mich würde interessieren auch weiter Forderungen hast, die für dich gerade zentral sind, die du auf der politischen Ebene gerne umgesetzt sehen möchtest?

Louisa Pethke: Also es gibt ja viele Vereine, die auf politischer Ebene arbeiten, der deutsche Gehörlosen Verbund usw., da bin ich auch mit involviert. Es gibt viele Forderungen dahingehend auf jeden Fall. Die Schwierigkeit besteht vor allem in der praktischen Umsetzung. Es gibt viele Parteien und es gibt viele Meinungen und es ist eben schwierig das alles umzusetzen. Dann ist es natürlich immer eine Geldfrage, es gibt wirtschaftliche Interessen, es gibt viele verschiedene Fraktionen, die verschiedene Interessen habe und auch viele Faktoren, die da reingehen.

Zum Beispiel auch die Untertitelquote, ich weiß gar nicht bei wie viel Prozent die jetzt gerade liegt? In Deutschland wird das Fernsehen nicht zu 100 Prozent untertitelt, diese Forderung ist noch nicht erreicht. Dafür haben wir ja diese Unterschriften gesammelt und viele Leute haben gesagt, ach naja das Fernsehen macht doch sowieso doof, ja das mag vielleicht stimmt, aber ich möchte trotzdem auf diesem Weg voll inkludiert sein.  Ich möchte auch genau wie Hörende entscheiden können, was sehen will und was nicht. Allgemein ist schon politisches Engagement vorhanden, aber es müsste noch viel mehr sein. Es müsste zum Beispiel die UN Menschenrechtskonvention umgesetzt werden, mehr Dolmetscher in Einsatz kommen, eine größere Lobby geschaffen werden, es fehlt noch, aber es ist erst noch auf dem Weg.

Black Box. Thema Louisa (Film)

Bilinguales Konzept

Kommentar aus dem Publikum: Eine andere Entwicklung ist ja die bilinguale Erziehung gehörloser Kinder. Also Kinder die ein CI eingesetzt bekommen, sprechen und hören trainierten und gleichzeitig auch Gebärdensprache lernen. Das ist natürlich immer noch schwierig, vor allem wenn man betrachtet wie weit diese Technik eigentlich wirklich ist, auch im Vergleich zum Hören. Gerade für Menschen, die mal hören konnten, wie Louisa. Aber für Kinder die gehörlos aufgewachsen, ist das eine Möglichkeit sich in beiden, ich sag jetzt nicht Welten, weil das sind ja nicht zwei verschiedene Welten, das ist ja eine Welt in der wir leben, aber sich in beiden Bereichen jeweils frei entscheiden zu können. Und das auch sehr flexibel handhaben zu können, zum Beispiel das CI auszuschalten, und nur zu gebärden oder sich nur aufs Hören zu konzentrieren und nicht zu gebärden.

Louisa Pethke: Es gibt auch natürlich auch Menschen, die zwischen den Welten wechseln. Hörende, die in die gehörlosen Welt wechseln und umgekehrt, das gibt es auch diese Selbstverständlichkeit des fließenden Wechseln. Ich denke es ist vor allem wichtig, den Menschen ganzheitlich sehen und nicht nur auf den Hördefekt zu reduzieren. Es gibt aber einfach so viele verschiedene Facetten. Es gibt auch CI Träger die wirklich wahnsinnig gebärden können, oder CODA- Children of deaf adults Kennt ihr den Begriff? Das bedeutet Kind gehörloser Eltern oder deaf CODA, das bedeutet taube Kinder gehörloser Eltern, die sind gebärdensprachlich wirklich spitze, die haben eine Gebärdensprache, das ist der Wahnsinn. Es gibt so eine Vielfältigkeit und so eine Reichhaltigkeit. Man es auch schaffen mit CI die Gebärdensprache zu lernen. Es gibt eben Gehörlose die das CI auf die eine und welche die es auf die andere Art und Weise betrachten. Es wird oft stigmatisiert, auf beiden Seiten.

Black Box. Thema Louisa (Film)

 

Inklusives Bildungssystem

Welches Bildungssystem brauchen wir eigentlich, um inklusiv zu sein auch für Gehörlose? Ich kenne Positionen, die sagen wir müssen Gehörlosenschulen abschaffen und andere die sagen wir brauchen sie, weil es eben eine eigenständige Kultur ist. Wie denkt ihr darüber?

Louisa Pethke: Da kommen viele Faktoren rein, Kommunikation ist einfach ganz essenzieller Bestandteil auch für das Bildungssystem. Wenn du z.B. als Gehörloser auf eine Regelschule gehen möchtest, dann ist die Frage, wer bezahlt die Dolmetscher. Oder wie ist es, wenn das Kind alleine in der Schule ist? Das möchte ich eigentlich keinem empfehlen und auch nicht zumuten, dass ein Kind in einer Regelschule ganz auf sich alleine gestellt ist. Das ist ja auch so, dass nur 10% der Kinder auch gehörlose Eltern haben und 90 % der Kinder haben hörende Eltern. Wenn das Kind hauptsächlich mit den Dolmetschern gebärdet, bekommt es eine ganz andere Sprache geboten, als wenn es in einer muttersprachlichen Umgebung aufwachsen würde. Und wo findet es seine kulturelle Identität, das Kind ist immer auf sich alleine gestellt hat sozusagen keine gehörlosen Rollenvorbilder. Das ist auch einer der Gründe, warum Gehörlosenschulen bleiben sollten. Es gibt auch Gehörlose, die dieser Meinung sind und durchaus selber sagen, dass die Gehörlosenschule ein Umfeld schafft, wo man auch auf andere trifft, die die gleiche Identität haben und Austausch mit Gleichgesinnten findet. Es sollten auch generell mehr Gehörlose eingestellt werden, um Vorbilder zu schaffen.

Kommentar aus dem Publikum: Was ich mir sehr gut vorstellen kann, das es Schwerpunkt Regelschulen gibt. Wo dann mehrere gehörlose Kinder zusammen sind, das finde ich schon auch wichtig, das deren Kultur auch untereinander gelebt werden kann. Das aber auch genauso Hörende Gebärdensprache vorgelebt bekommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Das sozusagen auch Hörende die Gebärdensprache allmählich stärker lernen können. Auch hörende Eltern können Gebärdensprache lernen, das ist etwas was du von deinen Eltern zwischenzeitlich eingefordert hast, dem sie sich ja auch gestellt haben. Auf diesem Weg versucht man beides miteinander zu verbinden und so ein miteinander schon ab Kindesalter zu schaffen. Eine wesentliche Voraussetzung bei inklusiven Schwerpunkt-Schulen sollte sein, dass grundsätzlich zwei Lehrer pro Klasse vorhanden sind und gerade in den Klassen, wo gehörlose Kinder sind, die zweite Person auf jeden Fall Gebärdensprache kann. So dass nicht nur die Kinder unter sich gebärden, sondern auch von einer Autorität, die dann einen Lehrer darstellt entsprechend vorgelebt wird und erzogen und beigebracht wird.

Louisa Pethke:

 

Es gibt natürlich ein Problem bei dem Konzept der Inklusion. Die Idee sieht schön aus, aber es hapert an der Umsetzung.

 

Das soll mir mal jemand sagen, wie das tatsächlich laufen soll. Beim bilingualen Konzept, was es ja auch gibt, ist die Frage wie die praktische Umsetzung aussehen kann und wie man diese konsequent durchsetzt. Das ist die große Problematik vieler Ideen. Zum Thema Inklusion in der Regelschule: die Gebärdensprache ist schon wichtig, aber man muss sich natürlich bewusst machen, dass die Welt nun mal eine hörende Welt ist und wie komm ich in dieser Welt zurecht komme, auch wenn beide Welten wichtig sind und ihre Berechtigung haben. Es gibt viele schöne Ideen, wenn man sein Kind, was zwar gehörlos ist, aber trotzdem gerne auf eine Regelschule schicken möchte zusammen mit hörenden Kinder oder sagen wir mit ein paar anderen Gehörlosen, dann ist das doch auch ne schöne Sache, aber die Frage ist, klappt es wirklich den Unterricht so zu gestalten, dass diese Kinder wirklich folgen können und auch die anderen Kinder zu ihrer Bildung kommen. Wie wird sicher gestellt, dass diese vier gehörlosen Kinder z.B in der Regelschulkasse klarkommen und beide Gruppen das gleiche Bildungsniveau erreichen.

 

Es bedarf schon eines Paradigmenwechsels in den Köpfen der Menschen. Für mich ist das auch Inklusion zu akzeptieren, dass Gebärdensprache auch eine Sprache ist aber in einer anderen Form, in einer visuellen Form.

 

Black Box. Thema Louisa (Film)

 

Kommentar Publikum: Was für mich heute ganz deutlich geworden ist, ist das es eigentlich an dem Großteil der Gesellschaft, die sich als normal fühlen und die Norm bestimmen, liegt anzuerkennen, wenn Menschen sagen ich bin so wie ich bin diese auch in die Gesellschaft aufzunehmen. Es müssen sie alle Seiten eingestehen, dass man so ist wie man ist, jeder für sich. Das ist auch ein großer Fakt, der für eine gemeinsames Zusammenleben ganz wichtig ist und zu einer inklusiveren Gesellschaft führen kann.

 

 

 

 

 

 

 

>Black Box> 5: Inklusion – Einladung zum Perspektivwechsel

Die Rede über Inklusion hat Konjunktur. Doch viel zu oft wird Inklusion falsch verstanden: als freundliche Beihilfe der Mehrheitsgesellschaft für Minderheiten, als Hilfestellung für Bedürftige oder als optionaler Zusatzservice. Diese Sicht verkennt die Sachlage.

Inklusion ist keine großzügige Geste, sondern überlebensnotwendig für alle. Von der Herstellung von Chancengleichheit profitieren alle Teile der pluralen Gesellschaft.

Wer Inklusion will, muss offen sein für einen Perspektivwechsel.

In der >black box< wollen wir im April die Weichen für einen solchen Perspektivwechsel mit Hilfe des preisgekrönten experimentellen Dokumentarfilms „Louisa“ von Katharina Peters stellen.

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„Louisa“ Regie: Katharina Pethke, Deutschland / 2011 / 62 min.

Louisa ist 23 und kann und will sich endgültig nichts mehr vormachen: Sie hört nichts. Gar nichts. Ihr ganzes Leben hat sie mit aller Kraft versucht, so zu sein wie alle anderen. Kommunikation war ein ungerechter Kampf des Lippenlesens – begleitet von einem ständigen Gefühl des Versagens. Damit ist es jetzt vorbei. Louisa beginnt, die Gebärdensprache zu lernen, entscheidet sich gegen ein Hör-Implantat und zieht in ihre erste eigene Wohnung. Dass sie trotz alledem HipHop liebt und Texte schreibt, soll für die anderen ein Widerspruch sein, doch nicht für sie.

Die Künstlerin Katharina Peters begleitet ihre Schwester Louisa filmisch ein Stück weit auf ihrem Weg. Sie lässt uns teilhaben an Louisas Entwicklung und eröffnet uns mit filmischen Mitteln den Reichtum der sinnlichen Wahrnehmung. Die Bilder und Töne werden entkoppelt, ohne dass der Film damit kokettiert. Es tritt Stille ein, wo es zu laut ist, und Töne werden freigelegt, die sonst im Lärm untergehen.

lou_ohrmodell_cmyk-300dpiZu Gast:

Louisa Pethke und Katharina Pethke

Moderation:

Luc-Carolin Ziemann

000460Die Veranstaltung wird durch Gebärdensprachendolmetscherinnen übersetzt, der Film hat deutsche Untertitel.

Wann und Wo: 22. April 2013, 19:00 Uhr, Galerie für Zeitgenössische Kunst

Eintritt: 2,00 EUR

>blackbox< wird in Kooperation mit Weiterdenken- Heinrich Böll Stiftung Sachsen und der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig organisiert und durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen gefördert.

Rückblick: Der grosse Irrtum

Die vierte Veranstaltung der >>black box<< war den großen Irrtümern gewidmet.

Olaf Winkler (Bild: Birgitta Kowsky)

Der erste Irrtum des Abends war der, dass höchstens 80 Gäste in die Black Box passen. Nach einigem Stühlerücken war klar: da geht noch was, zumindest wenn man eng zusammenrückt. Dass wir trotzdem noch Interessierte nach Hause schicken mussten, zeigt, wie groß das Interesse war. Vielleicht ein Anreiz für die  Leipziger Kinomacher, mehr Filme wie “Der grosse Irrtum” ins Programm zu nehmen – das Publikum ist da!

Susanne Schulz (Bild: Birgitta Kowsky)

Nach dem Film diskutierten Regisseur Olaf Winkler und Luc-Carolin Ziemann mit den ZuschauerInnen über das Konzept der Bürgerarbeit, die inzwischen auch in Leipzig an vielen Stellen umgesetzt wird (mehr dazu hier), die Frage, inwieweit man die eigene, künstlerische Arbeit auch als Bürgerarbeit begreifen kann und die unfreiwillige Transformation, die gute Ideen im Politikzirkus erfahren können, bis sie zu umsetzbaren Programmen werden.

Olaf Winkler und Luc-Carolin Ziemann (Bild: Birgitta Kowsky)

Wir haben das Gespräch wie immer aufgezeichnet, so dass es hier in Ausschnitten nachvollzogen werden kann.

Leider ist die Tonqualität diesmal ziemlich schlecht (wir bitten das zu entschuldigen!)

 

“Mein Wissen um die Unsicherheit der Arbeit hat sich durch den Film vertieft…” Olaf Winkler

Wie hat sich Olaf Winklers Blick auf die eigene Arbeit während der Filmproduktion geändert?

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Wie wurde aus dem Konzept der freiwilligen Bürgerarbeit ein vergleichsweise repressives Element der Arbeitsmarktpolitik?

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Welche Folgen hat die Martwertorientierung am Arbeitsmarkt für den Einzelnen?

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Frage aus dem Publikum: Warum ist dieser Film nicht im Fernsehen zu sehen?

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Frage aus dem Publikum: Was kritisiert ihr eigentlich am Konzept der Bürgerarbeit?

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Kommentar aus dem Publikum: Das Konzept der Bürgerarbeit beruht auf der gleichen Verwertungslogik wie der “1. Arbeitsmarkt”. Warum hinterfragt ihr das Konzept nicht kritischer?

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Der Soziologe Ulrich Beck hat einen Vorschlag gemacht, wie Grundeinkommen und Bürgerarbeit kombiniert werden können.

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Arbeit dient auch als soziales Bindemittel, das Menschen innerhalb demokratischer Gesellschaften integriert und verankert.

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Anmerkung aus dem Publikum (leider in ganz schlechter Audioqualität): Wir sollten erst Begriffe wie Arbeit oder Marktwert definieren, bevor wir anfangen, darüber zu reden.

Antwort aus dem Publikum (leider in ganz schlechter Audioqualität): Aber das ist ja gerade das Spannende an dieser Debatte: dass jeder so etwas wie Arbeit eben ganz unterschiedlich definiert. Wer am Fließband steht, wird Arbeit anders definieren als ein Künstler oder ein Handwerker. Es geht doch genau darum, diese Definitionen immer wieder neu auszuhandeln und nicht festzusetzen!

Blick ins Publikum (Bild: Birgitta Kowsky)

 

 

>black box< 4: Der große Irrtum

Vom Wert der Arbeit

 
Filmvorführung und Diskussion am 16. Januar 2013, 19 Uhr, black box

Wenn zum Jahresende Bilanz gezogen wird, dann geistern Statistiken und Arbeitsmarktzahlen durch die Medien, staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramme werden begutachtet und bewertet, kurz: der gesellschaftliche Wert der Erwerbsarbeit wird beschworen.

All denjenigen, denen es nicht gelingt, im vielbeschworenen „1. Arbeitsmarkt“ Fuß zu fassen, haben das Nachsehen. Der Wert des Menschen bestimmt sich heute am Marktwert seiner Arbeitskraft. Aber wie kann man trotzdem leben, wenn dieser Marktwert gen Null zu tendieren scheint? Wie kann es sein, dass es unendlich viele gesellschaftliche „Baustellen“ gibt, aber niemanden, der einen angemessen dafür bezahlt, dass man in der Kultur, der Bildung oder der Pflege seine Arbeit tut? Welchen Wert hat die künstlerische Arbeit, die dazu beiträgt, gesellschaftliche Entwicklungen zu beleuchten und zu hinterfragen?

Die Filmemacher Olaf Winkler und Dirk Heth beschäftigen sich schon lange mit diesem Thema. Vor zehn Jahren portraitierten sie in „Eggesin möglicherweise“ (2002) ein kleines ostdeutsche Städtchen und seine Menschen, von denen damals 20% arbeitslos waren. An der Statistik hat sich seitdem nicht viel geändert, am Leben der Menschen schon. Denn viele haben beschlossen, sich den Wert ihrer Arbeit nicht vom Markt diktieren zu lassen. Sie arbeiten trotzdem – jenseits des Marktes, für sich und ihre Umgebung. Ehrenamtlich oder schlecht bezahlt.

Ganz ähnlich geht es den Filmemachern selbst, die für ihren Film keinen Fernsehsender gewinnen können und nun gemeinsam mit ihren Protagonisten erleben, was es heißt, wenn „das gnadenlose Paradigma der bedingungslosen Marktfähigkeit einen zu verschlucken droht“. Zwischen Hoffnung und wachsender Ohnmacht stellen sie Fragen, die gehört werden müssen.

Gezeigt wird der preisgekrönte Film:

„Der Große Irrtum“ Regie: Olaf Winkler und Dirk Heth, Deutschland / 2012 / 105 Minuten

Zu Gast: Olaf Winkler und Dirk Heth (Filmemacher)

Moderation: Luc-Carolin Ziemann

Wie immer in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (Eintritt: 2 Euro).

Rückblick: Pussy Riots (Vol. III)

Mehr als zwei Stunden voller Videos und Diskussionen über FEMEN, Pussy Riot, Slut Walks und andere historische und aktuelle feministische Positionen liegen hinter uns und längst sind nicht alle Fragen geklärt, sondern es wurde eher deutlich, wie wichtig es ist, sich weiterhin kontrovers über Themen, Inhalte und Strategien zu auseinandersetzen.

2.1.21

Alle Bilder von Birgitta Kowsky

 

Wir haben die Diskussion für Euch zusammengefasst, so dass ihr sie bequem nachhören könnt.

Lassen sich historische feministische Protestformen wie die Performance „Fight Back“ von Suzanne Lacy, Leslie Labowitz, Bia Lowe (Los Angeles, 1977) ins Heute übertragen?

Antwort von  Andrea Günther und Julia Lemmle:

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Wie wichtig ist für eine feministische Performance der Raum, in dem sie stattfindet?

Antwort von Julia Lemmle und Andrea Günther:

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Wie kann man sich als feministische Künstlerin zu Pussy Riot in Beziehung setzen?

Antwort von Julia Lemmle und Andrea Günther:

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Die Aktionen der FEMEN kommen dem Klischeebild der hysterischen Frau ja sehr nahe: inwieweit ist sich die Gruppe darüber bewusst, dass sie hier ein Klischee ziemlich ungebrochen transportiert wird? Wie ist die Gruppe FEMEN organisiert?

Antwort von Andrea Günther:

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Frage aus dem Publikum: Gibt es auch Aktionen, in denen Frauen auftreten, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen?

Antwort von Andrea Günther und Julia Lemmle:

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Gedanken zum Thema Nacktheit, Uniformität und genutzten Klischeebildern

Antwort von Julia Lemmle:

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Vergleich der Aktionen von FEMEN mit den Slutwalks

Antwort von Julia Lemmle:

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Antwort von Julia Lemmle:

Kann FEMEN nicht eine mögliche Form des zukünftigen Feminismus sein?

Antwort von Julia Lemmle und Andrea Günther:

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FEMEN reproduziert männliche Klischeebilder, ohne sie zu brechen

Publikumsanmerkung, Antwort Julia Lemmle und weitere Anmerkung aus dem Publikum:

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Tits for Human Rights – Den Medien einen Spiegel vorhalten

Kommentar aus dem Publikum:

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