Kategorie: Aktuell

>black box< 4: Der große Irrtum

Vom Wert der Arbeit

 
Filmvorführung und Diskussion am 16. Januar 2013, 19 Uhr, black box

Wenn zum Jahresende Bilanz gezogen wird, dann geistern Statistiken und Arbeitsmarktzahlen durch die Medien, staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramme werden begutachtet und bewertet, kurz: der gesellschaftliche Wert der Erwerbsarbeit wird beschworen.

All denjenigen, denen es nicht gelingt, im vielbeschworenen „1. Arbeitsmarkt“ Fuß zu fassen, haben das Nachsehen. Der Wert des Menschen bestimmt sich heute am Marktwert seiner Arbeitskraft. Aber wie kann man trotzdem leben, wenn dieser Marktwert gen Null zu tendieren scheint? Wie kann es sein, dass es unendlich viele gesellschaftliche „Baustellen“ gibt, aber niemanden, der einen angemessen dafür bezahlt, dass man in der Kultur, der Bildung oder der Pflege seine Arbeit tut? Welchen Wert hat die künstlerische Arbeit, die dazu beiträgt, gesellschaftliche Entwicklungen zu beleuchten und zu hinterfragen?

Die Filmemacher Olaf Winkler und Dirk Heth beschäftigen sich schon lange mit diesem Thema. Vor zehn Jahren portraitierten sie in „Eggesin möglicherweise“ (2002) ein kleines ostdeutsche Städtchen und seine Menschen, von denen damals 20% arbeitslos waren. An der Statistik hat sich seitdem nicht viel geändert, am Leben der Menschen schon. Denn viele haben beschlossen, sich den Wert ihrer Arbeit nicht vom Markt diktieren zu lassen. Sie arbeiten trotzdem – jenseits des Marktes, für sich und ihre Umgebung. Ehrenamtlich oder schlecht bezahlt.

Ganz ähnlich geht es den Filmemachern selbst, die für ihren Film keinen Fernsehsender gewinnen können und nun gemeinsam mit ihren Protagonisten erleben, was es heißt, wenn „das gnadenlose Paradigma der bedingungslosen Marktfähigkeit einen zu verschlucken droht“. Zwischen Hoffnung und wachsender Ohnmacht stellen sie Fragen, die gehört werden müssen.

Gezeigt wird der preisgekrönte Film:

„Der Große Irrtum“ Regie: Olaf Winkler und Dirk Heth, Deutschland / 2012 / 105 Minuten

Zu Gast: Olaf Winkler und Dirk Heth (Filmemacher)

Moderation: Luc-Carolin Ziemann

Wie immer in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (Eintritt: 2 Euro).

Die Geister, die wir riefen… >black box< Vol.II

Über die ambivalente Rolle der KulturproduzentInnen für die Stadtentwicklung

Diskussionsveranstaltung am 17. Oktober 2012, 19:00 Uhr, Galerie für Zeitgenössische Kunst, Eintritt: 2,00 EUR

Das Klischee sagt: Am Beginn des Gentrifizierungsprozesses verändern KünstlerInnen und Kulturschaffende ein bisher randständiges Viertel. Sie entdecken es und durch ihren Zuzug wird häufig ein Prozess der Aufwertung in Gang gesetzt. Letztlich fallen oft auch die Kulturschaffenden selbst dieser Entwicklung zum Opfer, weil sie die gestiegenen Mieten nicht mehr aufbringen können.

Wir sagen: Dieser Prozess ist zur Genüge bekannt. Viele KünstlerInnen und KulturproduzentInnen agieren bewusst und aktiv gegen diese Tendenzen. Sie setzen sich für den Erhalt gewachsener oder den Aufbau neuer demokratischer Strukturen im Stadtviertel ein und erproben neue Arten der Partizipation.

Das Ziel der Veranstaltung ist es, die Doppelfunktion von Kulturschaffenden und KünstlerInnen im Prozess der Stadtentwicklung zu untersuchen. Wir wollen verschiedene Möglichkeiten der Interaktion und Auseinandersetzung mit diesem Thema aufzeigen. Die Diskussion wird durch Beispiele praktischer künstlerischer Eingriffe in städtische Strukturen und Filmausschnitte ergänzt.

Moderation:

Stefan Kausch (Engagierte Wissenschaft e. V., Leipzig): Politikwissenschaftler

Diskutant_innen:

Leider hat die Stadtplanerin Daniela Riedel (Zebralog) ihre Teilnahme kurzfristig absagen müssen.

Ariane Jedlitschka (Dipl.-Betriebswirtin für Immobilienwirtschaft, Gründerin der EEG Galerie): Projektmanagerin im Bereich Stadtentwicklung, Medienkunst und freie Bildung, oft zitiert als sog. Pionierin im Leipziger Westen

Mathias Rodatz (Goethe Universität, Frankfurt a.M): Politikwissenschaftler und Mitarbeiter im Verbundprojekt “Neuordnungen des Städtischen im neoliberalen Zeitalter”

 

 

Die Revision des eigenen Blicks >black box< Vol. I

Ein Gespräch mit Philip Scheffner

Der mediale Blick auf Migration ist geprägt von extremen Vereinfachungen. Menschen werden als MigrantInnen auf ein Stereotyp reduziert und auf diese Weise ihrer Stimme und ihrer Geschichte beraubt.

Deutlich wurde dies kürzlich im Rahmen der Berichterstattung zum Jahrestag des Progroms in Rostock – Lichtenhagen vor 20 Jahren. Das gleiche Phänomen war lange Zeit in der Berichterstattung über die Taten der rechtsextremen Terrorzelle NSU zu beobachten: Täter- und Opferrollen wurden verkehrt und komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge auf unzulässige Weise vereinfacht.

Viele kritische FilmemacherInnen und KünstlerInnen stellen sich die Frage, wie eine andere Herangehensweise an dieses Thema aussehen kann. Gerade im Dokumentarfilm muss eine Gratwanderung vollzogen werden. Es gilt eine eigenständige filmische Perspektive zu entwickeln und gleichzeitig der Sichtweise der Mitwirkenden einen eigenen Raum zu geben.

Philip Scheffner hat in seinem Film „Revision“ eine ungewöhnliche dokumentarische Methode gefunden, die den Protagonisten die Möglichkeit gibt, im Film nicht nur Zeuge zu sein, sondern Akteur. In der >black box< wird er Ausschnitte aus „Revision“ und weiteren Filmen zeigen und über Probleme der medialen Berichterstattung zum Thema Migration, die Entwicklung seiner eigenen filmischen Methode und die problematische Fokussierung auf eine vermeintliche Authentizität.

Zum Film: „Revision“ (2012) von Philip Scheffner (der Film wird in Ausschnitten zu sehen sein)

 

Der Dokumentarfilm „Revision“ betrachtet eine „alte“ Geschichte aus neuen Perspektiven. Der Film beginnt am vermeintlichen Ende dieser Geschichte, mit einer kleinen Zeitungsmeldung: Zwei rumänische Männer wurden 1992 auf einem Maisfeld von zwei deutschen Jägern erschossen. Ihr Tod bleibt ungesühnt und wird statistisch erfasst. Nun gehören sie zu denen Tausenden, die Jahr für Jahr an Europas Grenzen ihr Leben lassen. Die Umstände ihres Todes machen zu einem Teil europäischer Geschichte – und entziehen ihnen gleichzeitig die eigene Stimme in dieser Geschichtsschreibung. Sie erscheinen als stumme Zeugen eines Sicherheitsdiskurses, der sich vor allem um sich selbst dreht – und Tote wie sie billigend in Kauf nimmt.

Scheffner hat diese Meldung keine Ruhe gelassen und er beginnt zu recherchieren – fast zwanzig Jahre danach. Der Film rekonstruiert akribisch biografische und politische Perspektiven der Geschichte. Gleichzeitig thematisiert er die Bedingungen und Konventionen der eigenen, filmischen Narration als Teil eines politischen Gesamtzusammenhangs. Eine beklemmende Spurensuche, die auch die eigene Bilderproduktion einer ständigen Revision unterzieht.

Wann und Wo: 19. September 2012, 19:00 Uhr, Galerie für zeitgenössische Kunst, Eintritt: 2,00 EUR

„Revision“ Filmpremiere-Leipzig: 20. September 2012, 20 Uhr, Schaubühne im Lindenfels